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Verleihung des "Christa Lorenz-ALS- Forschungspreises 2017

von Kornelia Suske
Foto (v.l.): Prof. Dr. Hans-Jochen Heinze, Direktor der Universitätsklinik für Neurologie Magdeburg, der Preisträger Priv.-Doz. Dr. med. Joachim Wolf, und der stellvertretende Klinikdirektor Prof. Dr. Stefan Vielhaber
Privatdozent Dr. med. Joachim Wolf, Leiter der  Neurologischen Klinik am Diakonissenkrankenhaus Mannheim, wurde für seine herausragenden wissenschaftlichen Originalarbeiten zur Amyotrophen Lateralsklerose (ALS) mit dem "Christa Lorenz-ALS-Forschungspreis 2017" ausgezeichnet.

Der Preis würdigt seine Forschungsarbeit zum Thema: Epidemiologie der Amyotrophen Lateralsklerose in Deutschland - Ergebnisse aus dem ALS-Register Rheinland-Pfalz". Der mit 15.000 Euro dotierte Forschungspreis der Stiftung für medizinische Wissenschaft mit Sitz in Frankfurt a. M. wurde zum sechsten Mal in Magdeburg verliehen.

Der Preis wurde im Rahmen einer Grand Round-Veranstaltung der Universitätsklinik für Neurologie Magdeburg am 13. Dezember 2017 überreicht. Der Preisträger hatte für seinen Festvortrag den Titel: "Epidemiologie der Amyotrophen Lateralsklerose in Deutschland - Ergebnisse aus dem ALS-Register Rheinland-Pfalz - Strukturelle und funktionelle Hirnveränderungen bei ALS" gewählt. Prof. Dr. Stefan Vielhaber, stellvertretender Klinikdirektor der Universitätsklinik für Neurologie Magdeburg, eröffnete die Veranstaltung und hielt die Laudatio.

Die Amyotrophe Lateralsklerose (Amyotrophie = Muskelschwund, lateral = lat. zur Seite hin gelegen und Sklerose = Verhärtung: gemeint ist der Untergang motorischer Nerven im Rückenmark) ist eine chronische Erkrankung des Nervensystems. Durch die fortschreitende Schädigung von Nervenzellen kommt es zu Muskellähmungen, die zu Bewegungs-, Sprech- und Schluckstörungen führen, was die Betroffenen bei der Ausübung der Aktivitäten ihres täglichen Lebens zunehmend einschränkt. Die Erkrankung ist nicht heilbar, da die Ursachen für die Entstehung noch unbekannt sind. Die heute bekannten Therapiemöglichkeiten können jedoch zu einer Linderung der Symptome beitragen.

PD Dr. Wolf gab in seinem Vortrag zunächst einen kurzen Überblick zur ALS Erkrankung, die zu der Gruppe der Motoneuronerkrankungen gehört. Er stellte anhand eines Fallbeispiels den raschen Verlauf der Erkrankung nach Diagnosestellung dar. Die ALS ist eine komplexe Erkrankung, wobei hier verschiedene klinische Varianten mit unterschiedlichen Verläufen zu unterscheiden sind. Es kommt zu einer fortschreitenden und irreversiblen Schädigung oder Degeneration der Nervenzellen (Neuronen), die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. Dr. Wolf wies darauf hin, dass die Ursachen für die Entstehung dieser Krankheit noch nicht in allen Einzelheiten verstanden sind. Es gäbe jedoch Hinweise auf eine Prion-ähnliche Propagation abnormer Proteine (TDP43), die auch bei der Frontotemporalen Demenz nachgewiesen wurden, so Wolf.

Das von Dr. Wolf aufgebaute Register ist das erste bevölkerungsbasierte und prospektive ALS-Register in Deutschland. Ziel dieses Registers ist es, epidemiologische Daten zur Inzidenz, regionalen Verteilung, Klinik, Verlauf und Prognose der ALS in der Rheinland-Pfälzischen Bevölkerung und darüber hinaus zu erlangen. Genaue Daten zu Inzidenzzahlen und Daten zum Krankheitsverlauf waren für Deutschland zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht verfügbar. Neue epidemiologische Daten zur ALS resultieren überwiegend aus acht in den letzten 20 Jahren entstandenen bevölkerungsbasierten Registern in Europa (Italien, Schottland, Irland, England), den USA und Neuseeland. Bevölkerungsbasierte Register mit vollständiger Erhebung aller ALS-Patienten in einer definierten Region und einem bestimmten Zeitraum stellen das beste methodische Instrument dar, um präzise Aussagen zur Inzidenz und Verlauf der ALS treffen zu können. Darüber hinaus bilden sie die Grundlage zur Erforschung möglicher neuer Risikofaktoren. Ein solches bevölkerungsbasiertes Register existierte zum damaligen Zeitpunkt in der Bundesrepublik Deutschland noch nicht. "Das ist der besondere Verdienst von Dr. Wolf", betonte Prof. Dr. Stefan Vielhaber, stellvertretender Direktor der Universitätsklinik für Neurologie, in seiner Laudatio.  Beteiligte Institutionen sind alle Neurologischen Kliniken/Abteilungen sowie niedergelassene Neurologen und Nervenärzte in Rheinland-Pfalz und in den angrenzenden Regionen, ferner Selbsthilfegruppen und alle rheinland-pfälzischen Gesundheitsämter.

Dabei hat sich herausgestellt, dass die Inzidenz in Rheinland-Pfalz höher liegt als bisher angenommen. Durch die Erhebung konnten sozioökonomische und Lebensstilfaktoren sowie Vorerkrankungen und damit einhergehend bisher unbekannte Risiko-/Prognosefaktoren identifiziert werden.

Je älter der Patient bei der Erstmanifestation ist, desto ungünstiger ist der Verlauf insbesondere bei männlichen Patienten, mit einer zusätzlichen frontotemporalen Demenz. Auch das familiäre Umfeld spiele bei der Entwicklung der Krankheit eine Rolle. Patienten, die alleine leben, sind mit ungünstigerer Prognose behaftet als Erkrankte, die ein familiäres Umfeld aufweisen. Diese Erkenntnisse seien auch bei der Weiterentwicklung von Behandlungskonzepten insbesondere in späteren Stadien der Erkrankung von besonderer Relevanz.

Herr Dr. Wolf ist nicht nur ein Pionier auf dem Gebiet der Registerforschung bei ALS in Deutschland. Neben seiner chefärztlichen Tätigkeit leitet er zusammen mit den Rheumatologen die "Neurovaskulitis-Studie", eine weitere prospektive krankenhausbasierte Studie über neurologische Manifestationen bei Patienten mit neu diagnostizierter systemischer Vaskulitis oder Kollagenose.

Seine klinischen Schwerpunkte sind neben der Amyotrophen Lateralsklerose die Schlaganfallversorgung mit zertifizierter Stroke Unit, die Diagnostik und Therapie von Bewegungsstörungen sowie Erkrankungen der Muskulatur und des peripheren Nervensystems. Seine Klinik ist eine zertifizierte Einheit des Neuromuskulären Zentrums Rhein-Neckar der DGM.

Die Stiftung für medizinische Wissenschaft Frankfurt a. M. wurde 1999 durch Christa Lorenz gegründet, die selber ALS-Betroffene war und daran verstarb. Der Zweck der Stiftung ist die Förderung der Forschung und Wissenschaft bei dieser neurodegenerativen Erkrankung, die heute auch als Modellerkrankung für andere altersgebundene Erkrankungen mit selektivem Zelltod wie den Demenzen angesehen wird.

weitere Informationen :
Universitätsklinik für Neurologie
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