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Jeden Monat Ausnahmezustand: Nachwuchsforschungspreis für Forschung zu unterschätzter Erkrankung bei Frauen

von Sandra Michme
Dr. phil. Maria Kühne, Fotografin: Melitta Schubert/Universitätsmedizin Magdeburg
Magdeburger Neurowissenschaftlerin Dr. Maria Kühne entwickelt neue Therapieansätze für Frauen mit prämenstrueller dysphorischer Störung (PMDS).
 
Monat für Monat erleben betroffene Frauen schwere Stimmungseinbrüche, Ängste, Reizbarkeit oder Erschöpfung – Symptome, die weit über gewöhnliche prämenstruelle Beschwerden hinausgehen. Die Prämenstruelle Dysphorische Störung (PMDS) zählt zu den schwersten zyklusbedingten Erkrankungen bei Frauen und bleibt dennoch häufig unerkannt. Für ihre Forschung zu neuen Behandlungsmöglichkeiten wurde Dr. phil. Maria Kühne von der Universitätsklinik für Neurologie der Universitätsmedizin Magdeburg mit dem Nachwuchsforschungspreis der Medizinischen Fakultät der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg in der Kategorie „Klinische Forschung“ ausgezeichnet. Der Preis ist mit 7.500 Euro dotiert.
 
Die 38-jährige Wissenschaftlerin untersucht in der Studie „EVA-Stim“, ob die transkutane aurikuläre Vagusnervstimulation (taVNS) die Beschwerden von Frauen mit PMDS lindern kann. Dabei wird der Vagusnerv über eine kleine Elektrode an der Ohrmuschel durch sanfte elektrische Impulse stimuliert. Das Verfahren ist nicht-invasiv und kann nach einer Einweisung selbstständig zu Hause angewendet werden.
 
Der Vagusnerv ist eine zentrale Verbindung zwischen Körper und Gehirn. Er verläuft vom Hirnstamm über Hals und Brustraum bis in den Bauchraum und ist an der Regulation wichtiger Körperfunktionen beteiligt, darunter Herzschlag, Verdauung, Entzündungsprozesse und Stressreaktionen. Über seine Verbindungen zu Hirnnetzwerken, die unter anderem für Anspannung, Stimmung und emotionale Verarbeitung relevant sind, gilt er als vielversprechender Ansatzpunkt für neuromodulatorische Verfahren.
 
„Frauengesundheit erhält in Forschung und Versorgung noch immer nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdient“, sagt Maria Kühne. „Gerade PMDS ist nach wie vor mit Vorurteilen und Stigmata verbunden. Viele Betroffene werden nicht ernst genommen, obwohl die Erkrankung die Lebensqualität, die soziale Teilhabe und die Arbeitsfähigkeit erheblich beeinträchtigen kann.“
 
Großer Leidensdruck, begrenzte Behandlungsmöglichkeiten
 
Trotz des hohen Leidensdrucks sprechen nicht alle Betroffenen ausreichend auf die verfügbaren Behandlungsmöglichkeiten an. Medikamente oder hormonelle Therapien können wirksam sein, sind aber nicht für alle Patientinnen geeignet oder mit Nebenwirkungen verbunden. Gleichzeitig fehlen insbesondere außerhalb großer Zentren oft spezialisierte Versorgungsangebote.
 
Hier setzt die Magdeburger Studie an. Neben der Frage, ob die Vagusnervstimulation die Symptome verbessert, untersucht das Forschungsteam auch die biologischen Prozesse, die mit einer möglichen Wirkung verbunden sind. Dazu werden unter anderem Hirnaktivität, Herzratenvariabilität und weitere physiologische Marker erfasst. Langfristig soll die Forschung dazu beitragen, besser vorherzusagen, welche Patientinnen besonders von einer Behandlung profitieren könnten.
 
Ein besonderer Vorteil des Projekts liegt in seiner praktischen Anwendbarkeit. „Wenn sich die Methode bewährt, könnte sie eine niedrigschwellige und nebenwirkungsarme Therapieoption darstellen – auch für Frauen, die keinen einfachen Zugang zu spezialisierten Behandlungsangeboten haben“, erklärt die Wissenschaftlerin.
 
Die EVA-Stim-Studie wird als multizentrisches Forschungsprojekt durchgeführt. Mehrere Standorte bringen ihre Expertise in die Untersuchung ein. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Deutsche Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG) am Standort Halle–Jena–Magdeburg, das die multizentrische Ausrichtung der Studie unterstützt und das Projekt fördert.
 
„Solche Forschungsnetzwerke sind entscheidend, um klinisch relevante Fragestellungen gemeinsam voranzubringen und innovative Ideen in größere Studienstrukturen zu überführen“, betont Kühne.
 
„Mit dem Nachwuchsforschungspreis würdigen wir hervorragende wissenschaftliche Leistungen junger Forschender und möchten sie auf ihrem weiteren Karriereweg unterstützen. Frau Dr. Kühne greift mit ihrer Forschung ein wichtiges und bislang zu wenig beachtetes Gesundheitsthema auf und leistet damit einen wertvollen Beitrag für Wissenschaft und Versorgung“, sagt Prof. Dr. Dr. Anne Albrecht, Prodekanin für Nachwuchsentwicklung und Chancengleichheit der Medizinischen Fakultät Magdeburg.
 
Die Auszeichnung versteht sie als Anerkennung der bisherigen Arbeit und zugleich als Signal für die Bedeutung des Forschungsfeldes. „Ich freue mich sehr über diese Wertschätzung. Der Preis zeigt, dass PMDS ein relevantes Gesundheitsthema ist, das mehr wissenschaftliche Aufmerksamkeit verdient. Das motiviert mich, die Studie gemeinsam mit unserem Team und den beteiligten Zentren weiterzuentwickeln.“
 
Maria Kühne studierte Philosophie-Neurowissenschaften-Kognition sowie Integrative Neuroscience an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und promovierte an der Universität Bern zum Thema Embodiment. Heute ist sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Sektion Neuropsychologie an der Universitätsklinik für Neurologie Magdeburg tätig und forscht dort zu Women’s Mental Health, Neuromodulation und digitalen Home-Treatment-Ansätzen. Ihr besonderes Interesse gilt der Frage, wie innovative Technologien die Versorgung von Patientinnen und Patienten verbessern können.
 
Kontakt:
 
Dr. phil. Maria Kühne, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Sektion Neuropsychologie, Universitätsklinik für Neurologie der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Telefon: +49 67 21815, E-Mail: maria.kuehne@med.ovgu.de