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Fehler und Scheitern in der internationalen Politik

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Die Untersuchung von "Fehlschlägen" in der Außenpolitik hat eine lange Tradition in der Disziplin der Internationalen Beziehungen (IR). Außenpolitische Entscheidungen ziehen in der Regel eine viel größere wissenschaftliche Aufmerksamkeit auf sich, wenn sie als schief gelaufen gelten, als wenn sie als erfolgreich angesehen werden. Es ist daher nicht verwunderlich, dass viele der am besten untersuchten Episoden der Außenpolitik genau diejenigen sind, die mit "katastrophalen" Misserfolgen oder Folgen in Verbindung gebracht wurden.
In vielen Studien geht es bisher vor allem darum, zu verstehen und zu erklären, warum ein außenpolitisches Fiasko eingetreten ist und wie man es vermeiden kann. Sie setzen die Bewertung einer außenpolitischen Episode als "Fiasko" als selbstverständlich voraus. Sie problematisieren solche Urteile nicht, sondern nehmen sie als Ausgangspunkt für ihre Erklärungen des außenpolitischen Scheiterns und für die Schlussfolgerungen, die aus diesen Erklärungen zu ziehen sind. Explizit oder implizit folgt die Analyse außenpolitischer Fiaskos daher eher der fundationistischen und positivistischen Tradition, die in der Politikevaluationsforschung lange Zeit vorherrschend war. Nach dieser Sichtweise sind Politikversagen objektive Fakten, die unabhängig identifiziert und überprüft werden können. Politiken gelten demnach als gescheitert, wenn sie bestimmte objektive Kriterien oder Maßstäbe für den Erfolg nicht erfüllen. Im engeren Sinne geht das klassische Modell der Politikevaluierung von den offiziellen Zielen einer Politik aus und betrachtet die Politik als gescheitert, wenn sie diese Ziele nicht erreicht. In einem etwas weiteren Sinne kann ein rationalistisches Verständnis des Scheiterns einer Politik auch die Kosten einer Politik, den durch sie verursachten Schaden sowie die unbeabsichtigten und nachteiligen Folgen der Politik einbeziehen.
Dieser objektivistische Ansatz zur Untersuchung von Politikversagen verkennt jedoch, dass "Versagen" kein inhärentes Attribut der Politik ist, sondern vielmehr ein Urteil über die Politik. Die Ergebnisse der Politik sprechen nicht für sich selbst, sondern werden nur aufgrund der Bedeutung, die ihnen im politischen Diskurs verliehen wird, als erfolgreich oder erfolglos angesehen. Diese Kritik ist der Hauptansatzpunkt für eine konstruktivistische und interpretivistische Richtung in der Politikevaluationsforschung, die politische Fiaskos als ein "im Wesentlichen umstrittenes" Konzept begreift. Da es keine festen oder allgemein akzeptierten Kriterien für den Erfolg oder das Scheitern einer Politik gibt, sind derartige Urteile immer subjektiv und anfechtbar. Dies gilt auch für die Bewertung der Politik anhand der offiziell erklärten Ziele, die oft vage, vielfältig und widersprüchlich sind und die möglicherweise eher wegen ihrer strategischen oder symbolischen Funktion formuliert wurden als als realistische Richtschnur für die Politikgestaltung.
Außenpolitische Maßnahmen, die von einigen als erfolgreich angesehen werden, können daher von anderen als Fiasko abgetan werden. Solche gegensätzlichen Einschätzungen können beispielsweise auf unterschiedliche Zeitrahmen oder geografische und soziale Grenzen bei der Bewertung der Auswirkungen einer Politik sowie auf kulturelle Vorurteile oder abweichende Bewertungen der verfügbaren Alternativen zurückzuführen sein. Sie können auch durch ein unterschiedliches Maß an Erwartungen oder Bestrebungen bedingt sein. Vor allem aber ist die Einstufung einer (Außen-)Politik als Erfolg oder Misserfolg unausweichlich mit der Politik verwoben. Politikbewertungen werden daher von den Werten, der Identität und den Interessen des Bewerters beeinflusst und können die zugrunde liegenden Machtverhältnisse in der politischen Arena oder in der Gesellschaft insgesamt widerspiegeln. Insbesondere die Bezeichnung einer Politik oder Entscheidung als "Fiasko" ist ein zutiefst politischer Akt. Sie ist ein mächtiges semantisches Instrument im politischen Diskurs, um Gegner zu diskreditieren und politische Vorteile zu erlangen. Gleichzeitig ist der Vorwurf des politischen Versagens geeignet, einen politischen Konflikt über die Auslegung einer Politik zu provozieren.
In diesem Sinne folgen wir der konstruktivistischen Kritik an objektivistischen Ansätzen der Politikevaluation und konzeptualisieren außenpolitische Fiaskos nicht als Fakten, die es zu entdecken und zu erklären gilt, sondern als soziale Konstrukte, die im politischen Diskurs konstituiert werden. Während die diskursive Konstruktion von Fiaskos immer umstritten sein wird, hängt die Charakterisierung einer außenpolitischen Entscheidung als Fiasko vom Ausmaß der intersubjektiven Übereinstimmung in dieser Hinsicht ab, insbesondere unter mächtigen politischen und gesellschaftlichen Akteuren. In ähnlicher Weise hat der Unterschied zwischen bloßen "Misserfolgen" oder "Fehlern" und "Fiaskos" in der Außenpolitik weniger mit einem objektiven Maß für das Ausmaß eines Misserfolgs oder Fehlers zu tun, sondern vielmehr mit ihrer Politisierung in der Öffentlichkeit. Der politische Diskurs kann in diesem Sinne als ein Kampf zwischen konkurrierenden Behauptungen gesehen werden, die entweder außenpolitischen Entscheidungen das Etikett "Fiasko" zuschreiben oder ein solches Etikett ablehnen.
Wir verstehen daher außenpolitische Fiaskos als bedeutende außenpolitische Maßnahmen oder außenpolitische Entscheidungen, die im politischen Diskurs stark politisiert wurden und die von gesellschaftlich und politisch relevanten Akteuren weithin als schuldhaftes Versagen und Fehler der verantwortlichen Entscheidungsträger angesehen werden. Während wir ein konstruktivistisches und interpretivistisches Verständnis von außenpolitischen Fiaskos vertreten, lehnen wir rein relativistische Darstellungen ab, nach denen Erfolg oder Misserfolg der Außenpolitik vollständig im Auge des Betrachters" liegt. Vielmehr gehen wir von der Annahme aus, dass nicht alle außenpolitischen Entscheidungen mit gleicher Wahrscheinlichkeit im politischen Diskurs als "Fiasko" konstruiert werden, sondern dass einige Behauptungen in dieser Hinsicht überzeugender und wirkungsvoller sind als andere. Konkret schlagen wir vor, dass außenpolitische Fiaskos durch Narrative konstruiert werden und dass diese Narrative überzeugender sind, wenn sie sich auf Argumente und Charakterisierungen stützen können, die in einem bestimmten Kontext weithin als plausible Kriterien und Zutaten für außenpolitisches Versagen angesehen werden.

Die Rolle der Narrative
Während Narrative einfach als "jemand, der einem anderen erzählt, dass etwas passiert ist" verstanden werden können, leisten sie dennoch politische Arbeit, da sie eine wichtige Rolle bei der Konstitution von Normen, Identitäten und Ideologien spielen und für die Konstruktion nicht nur der individuellen und vergangenen historischen Welt, sondern auch der aktuellen politischen Welt von grundlegender Bedeutung sind. Es gibt zwei sich überschneidende Perspektiven, warum Narrative für die Politik wichtig sind: Eine kognitive Perspektive, die auf den Erkenntnissen der narrativen Psychologie beruht, und eine kulturelle Perspektive, die von der Forschung über historische Narrative inspiriert ist.
Die kognitive Perspektive betont, dass Narrative ein grundlegender Bestandteil der menschlichen Kognition sind. Narrative werden hier als Teil der menschlichen geistigen Aktivität betrachtet und geben Erfahrungen einen Sinn. Ähnlich wie Metaphern oder Analogien, die bereits in den Bereich der Politik und der Informationsgesellschaft Eingang gefunden haben, veranschaulichen Narrative einen kognitiven Prozess, bei dem die Menschen ihr Leben als eine mehr oder weniger kohärente Geschichte betrachten und der Welt durch Erzählungen einen Sinn geben.
Aus kultureller Sicht sind Narrative ein kulturell eingebettetes Phänomen, das Teil jeder Gesellschaft ist. Mythen und Geschichten aus der Vergangenheit und damit Informationen über unsere Vorfahren sind ein wesentlicher, wenn auch nicht unbedingt beabsichtigter Bestandteil aller Formen des Aufbaus von Gemeinschaften, Nationen oder Staaten, in denen die Herausbildung einer gemeinsamen Identität angestrebt wird. Gruppen, seien es lokale oder regionale Gemeinschaften, Nationalstaaten oder (internationale) Organisationen, erzählen und re-narrieren Ereignisse der Vergangenheit, um gemeinsame Werte und Normen zu etablieren und eine gemeinsame kulturelle Identität zu konstituieren.
Nimmt man diese beiden Perspektiven zusammen, kann man argumentieren, dass sowohl Individuen als auch Gemeinschaften sich selbst und die soziale Welt um sie herum durch Erzählungen, die ihre Identität konstituieren, einen Sinn geben. Wie bereits angedeutet, ist die Analyse von Narrativen insbesondere für die Politikwissenschaft und die IR von Bedeutung, da sie für unser Verständnis der politischen Realität relevant und daher für die Erklärung und das Verständnis des politischen Verhaltens auf allen Ebenen des politischen Lebens in einer Gemeinschaft wie der Familie, dem Staat oder der internationalen Gemeinschaft wesentlich ist. Indem man sich selbst oder eine Gemeinschaft (nicht notwendigerweise bewusst) in ein bestimmtes Narrativ einordnet und dadurch eine Identität konstituiert, leiten Narrative das Handeln.

Ein narrativer Ansatz für "Misserfolge"
Abgesehen von den Gründen, warum Narrative für die Politik wichtig sind, weisen Literaturwissenschaft und Narratologie darauf hin, dass Narrative aus drei wichtigen Elementen bestehen, darunter Setting, Charakterisierung und Emplotment, die einen Rahmen für die Analyse von Narrativen des außenpolitischen "Scheiterns" bieten. Wir sind der Meinung, dass alle diese narrativen Elemente notwendig sind, um der Öffentlichkeit eine Geschichte des Scheiterns zu erzählen.
In Bezug auf das Setting wird davon ausgegangen, dass ähnlich wie bei einem Theaterstück oder einem Film der Hintergrund oder der Ort, vor dem sich die Geschichte entfaltet, für die Erzählung als Ganzes von Bedeutung ist. Im Falle von Erzählungen über das Scheitern der Außenpolitik hat der Schauplatz, z. B. der diplomatische Bereich des UN-Sicherheitsrats, wichtige Auswirkungen darauf, was auf der internationalen Bühne als angemessenes Verhalten gilt. Die Darstellung des Schauplatzes gibt an, welche Normen und Werte der Leser für die jeweilige Situation für angemessen hält. Darüber hinaus beinhalten Erzählungen über außenpolitische Fiaskos Schauplätze, die die Möglichkeit von Alternativen und anderem Verhalten zulassen. Erzählungen, in denen die Akteure keine andere Wahl haben, als so zu handeln, wie sie es getan haben, werden im Allgemeinen nicht als Fiasko bezeichnet.
Der zweite wesentliche Bestandteil von Erzählungen ist die Charakterisierung der an einer Geschichte beteiligten Akteure sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene. Wir alle sind sehr daran interessiert, wie ein Akteur in einer Geschichte ist. In Erzählungen über das "Scheitern" kann dies die Charakterisierung einzelner Entscheidungsträger wie des Regierungschefs und der für die Außenpolitik zuständigen Minister, insbesondere des Außenministers, umfassen. Insbesondere kann die narrative Konstruktion außenpolitischer Fiaskos durch Charakterisierungen von Entscheidungsträgern vorangetrieben werden, die Zweifel an deren Kompetenz, Glaubwürdigkeit und Aufrichtigkeit aufkommen lassen. Beispiele hierfür sind Behauptungen über Unerfahrenheit, Schwäche, Unehrlichkeit oder Arroganz sowie die Unterstellung persönlicher oder innenpolitischer Motive für außenpolitische Entscheidungen. Auf der kollektiven Ebene kann sich die Charakterisierung auch auf mangelhafte Prozessmerkmale der Politikgestaltung konzentrieren, die in Institutionen wie den zuständigen Regierungsstellen zu finden sind. Zu den wichtigsten Beispielen für solche Mängel gehören unangemessene Eile, übermäßige Informalität, einseitige Informationsverarbeitung, unwirksame Kontrollen und fehlende breitere Konsultationen.
Drittens sind das Ereignis und das emplotment für eine Erzählung wesentlich: In einer Erzählung muss etwas geschehen. Vor allem die kausale Dimension in Bezug auf Ereignisse und Handlungen ist hier von Bedeutung. Das, was gemeinhin als "kausales Emplotment" bezeichnet wird, stellt die Beziehung zwischen den oben genannten Elementen einer Geschichte her. Durch das Emplotment von Ereignissen und Handlungen von Figuren vor einer Kulisse erhalten sie eine erzählerische Bedeutung. Die Darstellung ermöglicht es uns, Ereignisse zu gewichten und zu erklären, anstatt sie nur aufzulisten, und eine Reihe von Behauptungen in eine verständliche Abfolge zu verwandeln, über die wir uns eine Meinung bilden können. Der Begriff des Kausalverlaufs veranschaulicht, wie Ereignisse zusammenhängen. Im Falle einer Fiaskoerzählung beginnt die Darstellung mit der Bezeichnung eines Ereignisses oder einer Handlung als Fiasko, Fehler, Katastrophe oder einem ähnlichen Begriff, der die Bedeutung der betreffenden Politik und die Schwere des angerichteten Schadens hervorhebt. Das Ereignis oder die Politik, die als Fiasko bezeichnet wird, und ihre Folgen werden als äußerst negativ beschrieben. Das Fiasko wird in eine Kette von Ereignissen eingeordnet, die zu einem als unerwünscht angesehenen Ereignis geführt haben. Fiasko'-Narrative können außenpolitische Entscheidungen in den Kontext stellen, dass sie den nationalen Interessen eines Landes schaden, dass sie bei der Lösung des jeweiligen außenpolitischen Problems nicht wirksam sind oder dass sie angesichts internationaler oder nationaler Normen und Erwartungen unangemessen sind. Darüber hinaus geht es bei der Darstellung außenpolitischer Fiaskos darum, zu erklären, warum ein Misserfolg eingetreten ist und vor allem, wer dafür verantwortlich ist. Erstens sind Narrative über außenpolitische Fiaskos darauf angewiesen, einen kausalen Zusammenhang zwischen den Handlungen oder Unterlassungen eines oder mehrerer Akteure und den als unerwünscht beschriebenen Maßnahmen oder Folgen herzustellen. Zweitens braucht das Narrativ die Zuweisung von Verantwortung und Schuld als entscheidenden Bestandteil jeder sozialen Konstruktion von politischen Fiaskos, über die sich das Publikum eine Meinung bilden kann.
Um narrative Analysen außenpolitischer Fiaskos weiterzuentwickeln und ihren empirischen und methodischen Nutzen zu prüfen, lassen sich mindestens drei Ansatzpunkte für künftige Forschung identifizieren. Erstens muss der empirische Umfang der Analyse von einer Einzelfallstudie auf ein breiteres, vergleichendes Fallstudiendesign erweitert werden. Ein solches vergleichendes Vorgehen verspricht vor allem die Identifizierung gemeinsamer diskursiver Elemente von Erzählungen über außenpolitische Fiaskos. Zweitens sollte künftige Forschung die Beziehung zwischen Fiasko-Narrativen und Gegen-Narrativen berücksichtigen. Gegenerzählungen bestreiten die Konstruktion der Außenpolitik als "Fiasko" und stellen den Legitimationsdiskurs der außenpolitischen Entscheidungsträger dar. Die Forschung sollte sich genauer mit den Bedingungen befassen, unter denen es ihnen gelingt oder misslingt, die Konstruktion von außenpolitischen Entscheidungen als "Fiasko" im politischen Diskurs zu vermeiden. Drittens wäre es fruchtbar, Fälle von versuchten, aber letztlich "erfolglosen" narrativen Konstruktionen außenpolitischer Fiaskos zu untersuchen. Insbesondere die Einbeziehung von "Beinahe-Fehlschlägen" und "Nicht-Fiascos" würde Einblicke in die diskursiven und kontextuellen Bedingungen versprechen, unter denen Fiasko-Narrative wahrscheinlich am überzeugendsten sind.
Dieser Text wurde mit DeepL übersetzt am 04.05.2026

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